Saturday, 10. may 2008 6 10 /05 /Mai /2008 23:06

Prostatakrebs, überschattet von Pleiten, Pech und Pannen

 

Eine leider wahre Geschichte über (m)einen Fall, begleitet von Pleiten, Pech und Pannen.

 

Prostatakrebs…

„… nee, nicht bei mir…ist doch was für alte Opas….“

Welcher Mann unter 50 beschäftigt sich im Laufe seiner Sturm- und Drangzeit  mit dem Thema Prostatakrebs? Mal ehrlich, solange „der da unten“ funktioniert ist doch alles im grünen Bereich, oder?

Auch mich tangierte dieses Wort nur lateral, wie man zu sagen pflegt wenn einem etwas am Allerwertesten vorbei geht. Obendrein war mir bekannt, dass eine entsprechende Vorsorge-Untersuchung ab ca. 50 Jahren in Angriff genommen werden sollte und bis es so weit war hatte ich mehr als 10 Jahre Zeit. Zumindest dachte ich das damals.

Tja, wenn Du denkst Du denkst…

 

Damals lebte ich noch als Auswanderer in Belgien und fand immer einen Grund, nicht zur Vorsorge-Untersuchung zu gehen.

Im Dezember 2001, im blühenden Alter von 51 Jahren konsultierte ich wegen eines Blutdruckproblems meinen Hausarzt. Der fackelte nicht lange und ging direkt über zur Krebs-Vorsorge-Untersuchung.

 

Obwohl das Abtasten der Prostata  keine Auffälligkeiten vermuten ließ, empfahl er mir, weil ich sowieso zur Blutabnahme ins Labor überwiesen wurde, zur eigenen Sicherheit den PSA-Wert (Prostata-Spezifisches Antigen) ermitteln zu lassen. Dass mein belgischer Doc selbst kein Blut abgenommen hat liegt daran, dass sich in Belgien vielerorts Labors befinden, die auch auf Blutabnahmen spezialisiert sind. Der Weg der Blutproben bis zum Arbeitstisch der Laboranten beträgt somit nur wenige Meter, das bedeutet, dass das Blut quasi immer frisch von der Quelle analysiert werden kann.

 

Nach 24 Stunden lag beim Doc der Laborbefund vor. Neben besorgniserregender Leberwerte, war der PSA-Wert von 4,40 als erhöht zu bezeichnen, was man Angesichts meines Alters und der Größe der Prostata  nach Meinung des Hausarztes nicht ignorieren sollte. Er schlug vor, nach einer 3-monatigen Wartezeit nochmals den PSA-Wert zu begutachten und dass ich mich, sollte dieser Wert gleich geblieben sein oder sich erhöht haben, in urologische Obhut begeben solle, um die Ursache zu ergründen.  „Sicher ist sicher!“

Verstecktes Blut im Stuhl war nicht zu entdecken. Somit keine Gefahr im Darm. Das EKG ließ auch nichts Abnormales vermuten.

Die Ursache meines erhöhten Blutdruckes war wohl zu häufiger Genuss des belgischen Trappistenbiers, selbst hergestellter Obstweine und anderer belgischer kulinarischer Schweinereien.

 

März 2002: inzwischen war in meinem privaten Bereich allerlei geschehen, die Trennung von meiner Frau und von meinem Gastland Belgien stand bevor, ich  hatte alle Hände voll zu tun um meinen Rückzug nach Deutschland vorzubereiten, keine Zeit für meine Gesundheit und den erhöhten PSA-Wert, den ich als positiv denkender Mensch einfach verdrängte. Am 09.03.2002 zog ich von Belgien ins schöne Schwabenländle, freute mich meines Lebens und blühte auf in einer neuen Beziehung. Gesunde Ernährung wurde plötzlich ganz groß geschrieben, alkoholische Getränke abgeschafft und die Waage zeigte nach genau einem Jahr anstatt 102 nur noch 79kg an. Meine einzigen Laster waren das Rauchen und übertriebener Kaffeekonsum. Dennoch hielt sich mein Blutdruck dauerhaft im akzeptablen Rahmen von ungefähr 130:80, die Leberwerte bewegten sich wieder im Normbereich, ebenso das gute und das schlechte Cholesterin.

 

Im April 2003 vertraute ich mich wegen längst fälliger Vorsorge-Untersuchung, sporadisch auftretender Potenzprobleme und Unregelmäßigkeiten beim Wasser lassen einem Allgemeinmediziner an, der inzwischen mein Hausarzt ist.

Das verdrängte Thema „erhöhter PSA-Wert“ war plötzlich wieder aktuell.

Gesagt, getan, Laborbefund PSA-Wert  4,22.  Der Doc nannte eine Reihe von möglichen Ursachen die zu einem erhöhten PSA-Wert führen können und überwies mich zum Urologen, um Licht ins Dunkel bringen zu lassen.

 

In der Urologischen Praxis von Herrn Dr. X, einem recht arroganten Zeitgenossen, niedergelassen im Herzen der Stadt, wurde zunächst ein Urogramm erstellt.

Nachdem hier keine Auffälligkeiten zu erkennen waren, tastete der Urologe ausgiebig die Prostata ab und stellte fest, dass selbige nicht vergrößert und „schön weich“ war und kritisierte meinen Hausarzt, der mich wegen einer solchen Lappalie zum Facharzt überwiesen hatte. Dann erzählte mir Herr Dr. X, dass unter den derzeitigen Umständen ein Krebsrisiko in den nächsten Jahren so gut wie ausgeschlossen sei und ich solle mir keine Gedanken machen, weil Prostatakrebs meist erst im Greisenalter nachweisbar sei.

Er selbst habe einen PSA-Wert von 5,7 und auch keinen Prostatakrebs.

Abschließend meinte er, dass mein Hausarzt sich besser um seine Hustenpatienten kümmern und wegen eines leicht erhöhten PSA-Wertes nicht die Gäule scheu machen solle.

 

Meine Potenzprobleme konnte er wie folgt erklären: ich solle mich erst einmal richtig auf meiner neuen Partnerin einreiten. Das Pinkelproblem war in seinen  Augen eine leichte Prostatitis wogegen er mir ein Antibiotikum (unverkäufliches Muster) in die Hand drückte.

 

Nach 10 Tagen wurde ich gemäß Terminabsprache wieder vorstellig bei Herrn Dr. X, ohne jegliche Verbesserung von Potenz- und Pinkelproblemen. Auf meine Frage, ob eine Biopsie nicht doch ratsam wäre, flippte er total aus, erzählte mir lautstark und mit hochrotem Kopf, wie viel Verlust er an Kassenpatienten meines Kalibers macht und dass für eine Biopsie keinerlei Grund bestehe.

Zur Lösung des Potenzproblems verordnete er mir Geduld und Zuversicht, mit dem Pinkelproblem sollte ich lernen umzugehen.

 

August 2004. Vorsorge-Untersuchung beim Hausarzt,  PSA 4,17  also mehr oder weniger stabil geblieben.

Dennoch empfahl mein Doc einen zusätzlichen Besuch beim Urologen, aber ich wollte mir den Herrn Dr. X nicht mehr antun und hatte ehrlich gesagt etwas Bammel, mich als Kassenpatient auch bei einem anderen Urologen lächerlich zu machen. Obendrein hatte ja Merkwürden Urologe Dr. X bereits im April 2003 versichert, dass er Prostatakrebs ausschließt und es noch Jahre dauert bis „da etwas im Argen“ ist.

 

Mitte August 2005: ich fühlte mich urplötzlich im schönsten Sommer einfach krank und beschissen, als ob ich eine Grippe ohne Fieber hätte.  Vorsorge 2005 war sowieso fällig, also hin zum Hausarzt.

Dieses Mal landete ich 2 Volltreffer:  PSA-Wert 7.56 und obendrein Verdacht auf  eine Tumorerkrankung im Darm. Die Stuhluntersuchung  nach M2-PK, eine neue Methode dem Darmkrebs auf die Spur zu kommen,  wesentlich genauer und aussagekräftiger als das traditionelle Aufspüren von verstecktem Blut im Stuhl, hatte ich kostenpflichtig auf eigene Rechnung durchführen lassen (ca. 30,--Euro). Ebenso wie die bisherigen PSA-Wert-Bestimmungen, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, so lange bis eindeutig geklärt ist, dass man Prostatakrebs hat. Erst mit dem Beginn einer Therapie übernimmt die GKV die Kosten (ca. 20,-- Euro).

 

Die Anfang September 2005 durchgeführte Darmspiegelung mit Biopsie ergab allerdings keinen Hinweis auf eine Tumorerkrankung im Darm. Es wurde lediglich eine unbedeutende Entzündung lokalisiert und medikamentös behandelt. Der Enterologe wunderte sich allerdings, denn der Grenzwert bei der Untersuchung nach M2-PK  ist < 4 während ich mit einem ungewöhnlich hohen Wert von 30 aufwarten konnte. Das Geheimnis wird später am Ende dieser Geschichte gelüftet.

 

Ebenfalls im September 2005 wurde ich nun notgedrungen wieder beim Urologen Herrn Dr. X vorstellig. Der begann die Sprechstunde mit einer Schimpftirade aufs Gesundheitssystem, verfluchte die Gesundheitsreformen samt der Regierungsmischpoke, klagte bitterlich, was er selbst doch für eine arme Sau sei, schüttelte über den PSA-Wert von 7,56 ungläubig sein fachärztlich-göttliches Haupt, murmelte so etwas wie „Laborfehler“ vor sich hin und tastete anschließend die Prostata ab. Nach dieser Prozedur schaute er mich grimmig an, schimpfte auf meinen Hausarzt, der es seiner Meinung nach unterlassen hatte, mich RECHTZEITIG  zu überweisen, weil meine Prostata steinhart ist und es sich allem Anschein nach um Krebs handelt. Ich berief mich auf seine Aussage vom April 2003, dass bei mir  -wenn überhaupt-  der Ausbruch einer bösartigen Prostata-Erkrankung noch Jahre auf sich warten lasse. Daran konnte er sich plötzlich nicht mehr erinnern und bestritt, jemals so etwas gesagt zu haben!

Augenblicklich vereinbarte er telefonisch mit der seiner Meinung nach besten Klinik für urologische Angelegenheiten für mich einen Biopsie-Termin und bat mich, ca. 7 Tage nach der Biopsie bei ihm anzurufen wegen des Befundes.

 

Die Biopsie fand am 21.09.2005 in der urologischen Ambulanz dieser Klinik statt.

Meine Frau, die an diesem Tag Geburtstag hatte begleitete mich und wich nicht von meiner Seite. Das freundliche Auftreten des Klinikarztes und seine Gelassenheit nahmen mir bereits im Vorfeld jegliche Angst vor der Biopsie. Die Angelegenheit verlief schmerzlos, lediglich ein leichtes Kneifen im Dammbereich war zu spüren. Man gab sich mit 6 Stanzproben zufrieden und nach 15 Minuten war der Spuk vorüber. Es folgten 30 Minuten Wartezeit, dann Urinkontrolle um eventuelle Blutungen auszuschließen.

 

Pünktlich am 7. Tag nach der Biopsie, also am 28.09.2005  rief ich beim Urologen an. Die Arzthelferin konnte leider keinen Befund in meiner Akte entdecken und vertröstete mich für 3 weitere Tage. Ein irres Gefühl, glaubt mir. Krebsverdacht und  nach der Biopsie kein Befund in den Unterlagen.

Nach weiteren  Tagen ergebnislosen Telefonierens und Wartens erzählte die Arzthelferin, dass sie mit dem Labor gesprochen habe: eine Teilzeitkraft müsse angeblich noch 350 Befunde tippen…. und das im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung…grübel…

 

Als am 24.10.2005 (mehr als 1 Monat nach der Biopsie!!!) meine Frau einen freien Tag hatte rief sie Vormittags selbst beim Urologen an und ließ sich, weil noch immer kein Befund vorlag, die Durchwahl vom Klinik-Labor geben.

Das Labor bestätigte, dass der Befund bereits am Folgetag der Biopsie, also am 22.09.2005 per Fax an die Praxis Dr. X  übermittelt wurde. Meine Frau ließ sich auf keine weiteren Diskussionen ein und forderte das Labor auf, uns unverzüglich den Befund per Fax nach Hause zu schicken, was vom Labor genau 2 Minuten später auch in die Tat umgesetzt wurde.

Die Augen auf unser Faxgerät fixiert...totale Stille im Raum…und dann kam der Befund langsam und unerbittlich, Zentimeter um Zentimeter aus dem Faxgerät. Der absolute Alptraum: 6 Gewebeproben und bei allen Proben absoluter Volltreffer!

Befund: Malignität G3, Gleason 9 (5+4). Was diese Werte bedeuteten, wussten wir leider nur zu genau, weil wir uns seit der Biopsie intensiv mit dem Thema Prostatakrebs beschäftigt hatten. Ein bitterbösartiger Tumor, von hoher Aggressivität!

 

Der Augenblick war unbeschreiblich. Mein Körper wirkte wie eingefroren. Das Gefühl eines eingeschlafenen Armes oder Beines plötzlich über den gesamten Körper verteilt. Die Worte meiner Frau kamen von ganz weit her.

Meine Frau telefonierte sofort mit der Praxis Dr. X und bat um einen Termin(der 7 Tage später sein sollte). Da war die Arzthelferin bei meiner Frau allerdings an der richtigen Adresse und eine Stunde später, als ich meine 5 Sinne einigermaßen wieder beieinander hatte, waren wir unterwegs zur Praxis.

Herr Dr. X,  wollte meine Frau nicht mit ins Sprechzimmer lassen und machte, nachdem ich ihn feierlich von der Schweigepflicht entbinden musste, einen entsprechenden Vermerk in meine Akte. Gäbe es Gerechtigkeit auf dieser Welt, hätte ihn spätestens in diesem Augenblick der Teufel geholt!

 

Da ich mich bereits im Vorfeld dafür entschieden hatte, im Fall von Prostatakrebs eine Totaloperation über mich ergehen zu lassen, vereinbarte Herr Dr. X mit der Klinik (in der auch die Biopsie gemacht wurde) einen Vorstellungstermin und überwies mich zusätzlich an einen Radiologen zwecks Erstellung eines Knochenszintigramms.

 

Ferner verschrieb mir der Urologe Flutamid, Tabletten, die die körpereigene Produktion des männlichen Hormons Testosteron stoppt, weil, ganz grob beschrieben,  Prostatakrebs vom Testosteron lebt. Ich war mir sicher, dass ich die nächsten Tage vermutlich schlaflose Nächte haben würde und bat den Urologen, mir ein wirksames Schlafmittel und etwas für mein strapaziertes Nervensystem zu verschreiben. Pustekuchen!  „Holen sie sich Johanniskraut, gibt’s in jeder Apotheke oder im Supermarkt“.  In diesem Augenblick hätte ich ihm am liebsten eine Handgranate in seinen urologischen Allerwertesten geschoben und abgezogen!

 

Am 25.10.2005 vormittags hatte ich das Glück, ohne Wartezeit in einer privaten Radiologischen Praxis das Knochenszintigramm anfertigen zu lassen. Auch die Lunge wurde geröntgt. Die Ergebnisse waren befriedigend: trotz der Aggressivität des Prostatakarzinoms waren keine Absiedlungen von Metastasen in Knochen, Lunge oder Wirbelsäule nachweisbar. Anscheinend hatte der Tumor die Kapsel noch nicht gesprengt. Ich betone ANSCHEINEND, denn um auffällig zu sein müssen Metastasen eine Mindestgröße haben.

 

Am 14.11.2005 stellte ich mich wie vereinbart, meine Frau an meiner Seite, in der urologischen Ambulanz vor. Der Klinikarzt begutachtete den Überweisungsschein, las Name und Anschrift des Urologen Dr X und  meinte grinsend und kopfschüttelnd zugleich  „ach Du Sch…. gibt es den immer noch? Der sollte besser seine Praxis schließen“. (Am Rande bemerkt, ich spazierte später, Ende Dezember 2007 zufällig am Haus mit der Praxis Dr. X vorbei und konnte feststellen, dass es ihn, bzw. seine Praxis nicht mehr gibt und er weder im Telefonbuch noch in den Gelben Seiten anderer Orts eingetragen ist).

Ich erzählte kurz, was ich seit 2003 mit Herrn Dr. X alles erlebt hatte und der Klinikarzt überwies mich unaufgefordert an einen kompetenten Urologen, der übrigens nur 400m von unserer Wohnung entfernt seine Praxis hat. Im Anschluss wurde die gesamte Prozedur der Prostataentfernung bis ins kleinste Detail abgeklärt. Es stand fest, dass in meinem Fall eine Nerven erhaltende OP ausgeschlossen war.

Nachdem abschließend ein Operateur von dem Resultat, das manche Leute erzielen wenn sie mit dem Rauchen aufgehört haben, nämlich stoffwechselbedingtes Übergewicht, Kenntnis genommen hatte, meinte er dass wir uns nach erfolgreicher Gewichtsreduktion von mindestens 15 kg wieder zusammensetzen um einen OP-Termin festzulegen.

 

Es war der 17.11.2005 als ich mich meinem neuen, mir von der urologischen Ambulanz empfohlenen Urologen anvertraute. Nur 10 Fußminuten schnurgeradeaus von unserer Wohnung.

Zusätzlich zum Flutamid was ich bereits seit dem 24.10.2005 einnahm, injizierte er mir ein 3-Monats- Depot Buserelin (Profact). Das ganze nennt sich Hormonbehandlung, die wachstumshemmend auf den bestehenden Tumor, bzw. Metastasen wirkt.

Um zu verhindern dass mir durch dieses Buserelin, das auf den männlichen Körper wie Östrogen wirkt, ein Busen wächst, wurden mir Beginn Dezember beidseitig die Brustwarzen und Umgebung bestrahlt. Ein Busen wuchs mir nicht, aber es gab andere Nebenwirkungen wie z.B. Hitzewallungen, zu vergleichen mit denen von Frauen in den Wechseljahren. Leider geht während dieser Hormonbehandlung auch die Libido flöten, das heißt, die Lust auf  Sex nebst Potenz wird langsam aber sicher auf Null heruntergefahren. Tja, man(n) hat’s dann wirklich nicht leicht und Frau auch nicht. Das aber nur am Rande bemerkt. Betroffene können sich in zahlreichen Foren und last but not least bei einem kompetenten Urologen über dieses Thema und entsprechende Hilfsmittel informieren.

 

Inzwischen tat ich mein Allerbestes um die geforderten 15 kg, die mich von der wichtigen OP trennten, abzunehmen.

Kohlsuppe bis zum Erbrechen, Rohkost, selbst gebastelte Diäten, Ergometer-Training und siehe da, das positive Resultat von minus 18kg nach 12 Wochen ohne irgendwelche Konditionsschäden konnte sich sehen lassen. Nach erneuter Vorstellung in der urologischen Ambulanz am 25.01.2006 wurde der OP-Termin festgelegt: Einchecken am 14.02., OP am 15.02.

Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: am 13.02. bekam ich eine telefonische Absage von der Klinik wegen Streik! Total ätzend! Seelisch, geistig und körperlich eingestellt auf den anstehenden Termin und dann eine Absage. Man vertröstete mich auf den 22.02.2006

 

20.02.2006: Voraufnahme in der Klinik, d.h., sämtlicher Papierkrieg, Besprechung mit dem Narkosearzt, Blut- und Urinkontrolle  wurden im Vorfeld erledigt.

22.02.2006: um 14:00 Uhr konnte ich gut gelaunt, ohne Stress und Warterei in ein großes, helles modernes 2-Bett-Zimmer einziehen.

Gegen 17:00h verpasste mir ein wortkarger Zivi eine Vollrasur von der Brust bis zum Knie. Der junge Mann kam mit meinem schwarzen Humor einfach nicht zurecht und schaute mich nur vergeistigt an, was sich während der gesamten Dauer meines Krankenhausaufenthaltes auch nicht ändern sollte. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch mit einer sehr starken Körperbehaarung gesegnet, und der Zivi zu dämlich war, eine entsprechend große Unterlage zu benutzen, sah es nach der Rasur im und um mein Bett herum aus wie Sau. Obendrein hatte er es geschafft, mich mit den Einwegrasierern etliche male zu verletzen, was ihm einen Anschiss der Pflegedienstleiterin einbrachte.

Die Nacht verbrachte ich sehr unruhig, aber nicht wegen Aufregung oder Angst.

Das mir verabreichte Abführmittel, dessen Wirkung sich erst gegen Mitternacht bemerkbar machte, hielt mich in unterschiedlichen Zeitintervallen bis gegen 05:00h auf Trab.

 

23.02.2006: der große Tag der OP. Wecken um 06:00h, Blutdruck und Temperatur messen, duschen, Kompressionsstrümpfe anziehen, Beruhigungstablette einnehmen und warten…

Visite gegen 08:00h. Der Arzt, der mich seinerzeit in der urologischen Ambulanz über die OP aufgeklärt und mir den neuen niedergelassenen Urologen empfohlen hatte, war mit von der Partie, beglückwünschte mich zu der erfolgreichen Gewichtsabnahme und wünschte mir alles Gute für die OP. Dann wieder warten.

Um 09:00h rollte man mich(im Bett selbstverständlich) in den OP-Bereich. Das bereits vermummte OP-Team stellte sich mir kurz vor, etwas Weibliches(nur am Busen zu erkennen) vergewisserte sich dass ich auch ordnungsgemäß rasiert sei. Ich reklamierte scherzhaft, weil man mich meiner gesamten Körperbehaarung beraubt hatte und meine Frau, die mich deswegen Kuschelbär nennt, jetzt gewiss sauer ist weil man mich durch die Rasiererei quasi „entkuschelt“ hatte. Kichernd führte sie mir eine Nadel in eine Vene des Handrückens ein und die letzten Worte die ich wahr nahm waren „schlaf gut, Kuschelbär“.

 

Irgendwann kam ich irgendwo langsam zur Besinnung. Eine Krankenschwester strahlte mich an und auf meine Frage, ob ich jetzt im Himmel sei meinte sie, dieser sei momentan überbelegt und ich müsse mich mit dem Aufwachraum zufrieden geben.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich halbwegs ansprechbar war, erklärte sie mir die Bedeutung der an mir angeschlossenen Teile.

Die „automatische Krankenschwester“ eine sinnvolle Erfindung, hatte es mir angetan. Sollten mich irgendwelche Schmerzen zu sehr plagen, einfach auf den Knopf drücken und Linderung ist garantiert.

 

Im Halbschlaf verbrachte ich den Tag und die folgende Nacht im Aufwachraum ohne besondere Vorkommnisse. Nur die ungewohnte Rückenlage verursachte im Bereich meines Steißbeins einen Dauerschmerz, gegen den auch der Knopfdruck auf die automatische Krankenschwester nichts auszurichten vermochte.

 

24.02.2006:  ich glaubte meinen Ohren nicht, als ich gegen 07:00h gebeten wurde, vorsichtig aufzustehen um Zähneputzen und so gut es geht eine Katzenwäsche zu verrichten. Eine Schwester „nabelte“ mich von den Geräten ab, leistete Hilfestellung beim Aufstehen, erklärte mir, wie ich mich beim Herumlaufen  künftig mit den Attributen Katheter im Schniedel und zwei Wunddrainagen im Unterbauch arrangieren müsse und ich arbeitete mich Schritt für Schritt, wie mit 2 Promille im Blut, hin zu dem rettenden Stuhl der sich vor dem Waschbecken befand.

Nach getaner Arbeit wankte ich (dieses Mal mit bestimmt 3 Promille)  in Gegenrichtung zurück zu meinem Bett, konnte mich eben noch setzen und der Kreislauf spielte total verrückt. Wollte mich die Schwester verarschen oder mir nur Mut zusprechen als sie sagte, dass ich meine Sache außerordentlich gut gemacht habe? Ich grübelte nicht lange und war heilfroh, als ich wieder die Horizontallage eingenommen hatte, trotz Aua im Steißbein.

Gegen 11:00h  rollte man mich in mein Zimmer. Ich bekam frische Bettwäsche, ein frisches (rückenfreies) Klinikhemd, wurde wieder angeschlossen an Infusion und automatische Krankenschwester und meine Gedanken beschäftigten sich bereits mit meiner baldigen Entlassung…

Tja, wie bereits zu Beginn der Geschichte gesagt: „wenn Du denkst Du denkst….“

 

Prostata weg… Tumor weg… bilderbuchmäßiger Genesungsfortschritt… Urin nach drei Tagen bereits gesunde Farbe, kein Blut nachweisbar… was will man(n) mehr? Über den Verlust dieses Organs machte ich mir keine Gedanken. Aber die plötzliche Grübelei, was letztendlich der Befund an den Tag bringen würde, veranlasste mich zur heimlichen Einnahme von Psychopharmaka, die mir mein verständnisvoller Hausarzt verschrieben und die ich auf Anraten eines ebenfalls an Prostatakrebs operierten Bekannten mit in die Klinik genommen hatte.

 

„Wen Gott liebt, den straft er!“ Einen solchen Mist hat man versucht, mir in meiner Kinderzeit einzureden, wenn ich mal krank war oder ich mich beim Spielen verletzt hatte.

Fixhallelujagloriainexcelsisdeo… wie sehr muss Gott mich doch lieben dachte ich, als mir einer der Ärzte mit ernster Miene mitteilte, dass in einem der 15 Lymphknoten, die während der OP mit entfernt wurden, eine Mikro Metastase entdeckt wurde. Und das war und ist halt eine zuviel und auf Grund der Bösartigkeit des Prostatakarzinoms, keineswegs zu unterschätzen. Und wo eine ist, da gibt’s bestimmt noch mehr!

Das, was ich seit der Diagnose im Oktober befürchtet hatte, war eingetreten.

Ich durfte mich auf Grund des Befundes T3 – M1 ab sofort mit dem Prädikat „Hochrisikopatient“ schmücken. „Scheiss-Spiel“ dachte ich mit gemischten Gefühlen, aber da musste ich nun durch!

Also war wieder Hormonbehandlung angesagt. Kein Problem, denn ich hatte „für alle Fälle“ noch einen Restvorrat Flutamid in meinem Koffer und die Wirkung der Buserelin-Depot-Spritze vom November 2005 endet zum Glück nicht genau nach 3 Monaten.

 

Dieses war der erste Streich… und der zweite folgt sogleich.

 

von boeserWolf - veröffentlicht in: Prostakrebs
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Saturday, 10. may 2008 6 10 /05 /Mai /2008 22:28

Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit

 

01.03.2006: der Tag, an dem man die Wunddrainagen entfernen wird!

Am Nachmittag zuvor, abends und auch in der Nacht fiel mir auf, dass im Gegensatz zur linken Drainage, die rechte noch fleißig Lymphflüssigkeit in den Auffangbeutel transportierte.

Ich protestierte, als ein Arzt mir morgens die beiden Schläuche aus dem Unterbauch ziehen wollte und räumte Bedenken ein wegen der rechten Drainage.

Der aber grinste nur und meinte dass „das Bisschen Zeug“ vom Körpergewebe abgebaut würde und ich solle die Planung nicht durcheinander bringen. Und „wo kämen wir denn hin wenn jeder Patient selbst in seine Behandlung eingreift?“

Nun gut, dachte ich, der muss es ja wissen, denn er hat immerhin einen weißen Kittel an und ich nur ein Nachthemd.

Wie bereits zwei mal gesagt: „wenn Du denkst Du denkst…“

 

02.03.2006: gegen ca. 11:00 verspürte ich leichte Schmerzen und ein Druckgefühl in der rechten Leistengegend. Eine Schwester beruhigte mich und meinte, dass dies noch die Nachwehen seien vom Entfernen der Drainagen. „Quatsch“, denke ich nur. Links, wo ebenfalls eine Drainage entfernt wurde, tut mir doch überhaupt nichts weh. Nachmittags nahmen die Schmerzen zu, der Druck in der Leistengegend stieg an und auch am Abend wurde es nicht besser. Ein Arzt ließ sich nicht blicken, obwohl ich einige Male bei der Schwesternschaft reklamiert hatte.

Nur eine Azubi-Schwester schien die Sache endlich ein klein wenig ernst zu nehmen, hatte Mitleid und gab mir ein höchst wirksames Schmerzmittel.

 

Freitag, 03.03.2006: Während der morgendlichen Visite  klagte ich mein Leid und es folgte eine Ultraschall-Untersuchung. Da schau her…Lymphflüssigkeit in nicht geringer Menge! Und zwar so viel, dass es das Gewebe nicht schaffte sie zu resorbieren. Also hatte ich es nun mit einer Lymphozele zu tun. Na Bravo und herzlichen Dank, Doktor Allwissend! Hätte dieser nämlich meine Bedenken ernst genommen bevor er mir viel zu früh die Drainage aus dem Bauch zupfte, ginge es mir vermutlich besser.

Gegen 15:00h wurde ich ohne Vorwarnung in den OP gerollt, ein freundlicher Arzt erklärte mir dort, dass er mir aus gegebenem Anlass auf der rechten Seite diese Lymphozele punktieren, ergo wieder eine Drainage legen müsse. Örtlich betäubt und am Geschehen interessiert, beobachtete ich aufmerksam den gesamten Vorgang. Man erklärte mir jeden Handgriff und  50 Minuten später befand ich mich wieder in meinem Zimmer. Der Arzt der mir die Drainage eingebaut hatte schaute gegen 17:00h bei mir vorbei um sich zu vergewissern dass die Flüssigkeit abgeführt wird, schien zufrieden und wünschte mir ein schönes Wochenende. Aber es sollte das für mich schlimmste Wochenende meines Lebens werden…

 

Samstag, 04.03.2006: Abendrunde der Schwestern, fertig machen für die Nacht.

Zufällig entdeckte eine Schwester in meiner Drainage, eine winzige rötliche Schliere und entschloss sich, diese Schliere „abzusaugen“, weil es sich hier eventuell um eine Verstopfung handeln könnte.

Kaum hatte sie die Schliere, die nichts anderes war als geronnenes Blut, entfernt, lief anstatt gelber Lymphflüssigkeit schönes rotes Blut durch den Schlauch und füllte zunächst bis zur Hälfte den Auffangbeutel, wo es in Sekundenschnelle gerann.

Die Schwester redete mir aus dass dies frisches Blut sei und beruhigte mich, dass ich mich vermutlich falsch bewegt habe und das Schlauchende in meinem Bauchinneren irgendwie in einer „Pfütze Altblut“ zurecht gekommen sei. Sie schloss einen neuen Beutel an und nach wenigen Augenblicken war selbiger ebenfalls, nun aber bis zum Überlaufen vollgeblutet.

Auch in dem am Katheter angeschlossene Urinbeutel war deutlich zu erkennen dass sich dort einige Blutstropfen eingeschlichen hatten. Höchst suspekt…denn laut Aussage eines Arztes einige Tage zuvor, war die Blase inzwischen sauber.

 

Der kurze Zeit später hinzugezogene Bereitschaftsarzt, bzw. dessen Vertreter(Student? Hausmeister? Pförtner?) schaute sich die Sache an, beteuerte, dass der Blutbrei im Auffangbeutel keinesfalls durch Frischblut entstanden und dass das Blut im Urinbeutel damit absolut nicht Verbindung  zu bringen sei.

Dann telefonierte er mit seinem „Chef“, der vermutlich gerade etwas Wichtigeres zu tun hatte, nahm Blut ab und führte durch den Drainageschlauch eine Spülung des Unterbauches durch. Das was sich danach in einer Nierenschale sammelte war zunächst eine Mischung aus Blut und Spülflüssigkeit, wenig später war im wahrsten Sinne des Wortes wieder „alles klar“. Ich hatte den Eindruck, dass der Weißkittel der mich da gerade behandelte überhaupt keine Ahnung hatte von dem was er tat und lediglich die fernmündlichen Instruktionen seines Chefs befolgte.

Die Nacht verlief ohne Komplikationen, die Nachtschwester kontrollierte gegen 03:00h den Inhalt des Auffangbeutels und schien zufrieden.

 

Sonntag, 05.03.2006: kurz nach dem Mittagessen, gerade zurückgekehrt von meinem Verdauungsspaziergang, saß ich am Tisch und beschäftigte mich ein wenig mit dem Laptop. Mein Bettnachbar meinte plötzlich, dass er glaubt, in meinem Auffangbeutel wieder Blut zu sehen. Wie Recht er doch hatte.

Ich ging ins Schwesternzimmer und bat die Ladies, den Beutel, zum Bersten gefüllt mit Blutpudding, in Augenschein zu nehmen und in irgend einer Weise zu reagieren. Außerdem war erneut Blut im Urinbeutel festzustellen.

Die Damen schauten sich  gegenseitig an, keine wusste so recht was sie tun sollte aber mein plötzliches drohendes Knurren bewegte eine der Schwestern dazu, den Bereitschaftsarzt in Kenntnis zu setzen. In der Ambulanz bekam ich wiederum zu hören dass es nichts Ernstes sei. Der Bereitschaftsarzt versuchte, mir den schwarzen Peter zuzuschieben indem er mir unterstellte, ich hätte eine falsche Bewegung gemacht und mit dem Ende des Drainageschlauches (Hart-PVC)  irgendwelches Gewebe verletzt, was vermutlich eine unbedeutende Blutung zur Folge hat.  Ansonsten könne er sich keinen Reim auf die Geschehnisse in meinem Bauchinneren machen. Mit einer Ultraschall-Untersuchung  wurde er nicht fündig, erklärte mir aber, dass sich nur noch ganz wenig Lymphflüssigkeit in meinem Unterbauch feststellen lässt. Blut, so sagte er, könne er über Ultraschall leider nicht darstellen und ab und zu noch ein wenig Blut im Urinbeutel sei nach einer Prostata-Entfernung vollkommen normal.

Dass das Blut im Urin parallel mit den Blutungen durch die Drainage auftritt sei purer Zufall.

Also auf ein Neues: Unterbauch spülen, ablaufen lassen und Fall (vorläufig) für ihn erledigt. Mit weichen Knien und so verdammt alleine gelassen mit einem meiner Meinung nach riesigen Problem, begab ich mich total apathisch in mein Zimmer. Das einzige Highlight an diesem Sonntag war der Besuch meiner Frau (die übrigens täglich 2 Stunden und länger an meiner Seite in der Klinik verbrachte).

 

Stets ein Auge auf den Drainageschlauch gerichtet ließ ich den Abend an mir vorübergehen und mir war wie nach dem Genuss meiner ersten Hasch-Zigarette anno 1967…  das totale „leck mich am A…“-Gefühl.

 

Murphy’s Gesetz ist unerbittlich, mit anderen Worten, „alles was schiefgehen kann wird auch schiefgehen“ und das war dann so gegen 21:00h. Wieder einmal hatte sich der Auffangbeutel in Sekundenschnelle mit Blut gefüllt. Im Urinbeutel nahm ich erneut einige Blutstropfen wahr. Mein Bettnachbar schaute mich besorgt an und meinte, dass die seit Samstag verlorene Blutmenge so langsam die Bedenklichkeitsschwelle erreicht hat. Eine herbeigeklingelte Schwester nahm mit ihren großen Kulleraugen das Problem zur Kenntnis und erschrak ein wenig als ich ihr mitteilte dass dieser Beutel, prall gefüllt mit Blut bereits die Nummer 3-1/2 seit Samstag Abend sei. Sie wollte zwar, aber konnte leider nicht die Menge des Beutelinhaltes messen, weil selbiger bereits wieder geronnen und ein Abzapfen aus dem Beutel unmöglich war.

Sie versprach, sofort den Bereitschaftsarzt zu informieren. Als dieser aber „sofort“ nach 30 Minuten noch immer nicht zur Stelle war, schleppte ich mich mit größter Anstrengung ins Schwesternzimmer, wo mir in letzter Sekunde ein Rollstuhl unter den Hintern geschoben wurde, bevor mir zum ersten Mal schwarz, dann weiß vor Augen wurde. Vor mir flimmerte eine Fata Morgana nach der anderen, ich fühlte mich nur noch kotzelend.

Eine der beiden anwesenden Krankenschwestern flüsterte der anderen zu, dass es jetzt langsam Zeit wird, den Arzt zu informieren.

Der Bereitschaftsarzt (der selbe wie am Mittag) erschien, fand meinen Blutdruck normal und bat mich, ihm in die Ambulanz zu folgen. Noch heute stelle ich mir die Frage, wieso ich mich ohne fremde Hilfe aus dem Rollstuhl quälen und an Handläufen Schritt für Schritt hinter dem Doc her torkeln musste, während die Schwestern sich untätig an ihren Kaffeetassen festhielten. Ach ja, ich vergaß…  ver.di hatte für dieses Wochenende zum Streik geblasen!

 

In der Ambulanz das gleiche Spielchen wie am Mittag… Blutabnahme, Unterbauch spülen… Kopf schütteln.

Ich erdreistete mich, zu behaupten, dass ich durch den Blutverlust vollkommen erschöpft und deshalb im Schwesternzimmer zusammengeklappt wäre.

„Ach Quatsch!!!“, meinte der Doc, „das sind Ihre Nerven. Holen sie sich beim Pflegedienst Baldrian oder ein anderes Beruhigungsmittel“. Dieser Spruch hätte vom Urologen Dr. X sein können.

Damit war ich entlassen. Ich kann den Rückweg zu meinem Zimmer hier nicht weiter kommentieren weil ich einfach nicht mehr weiß, wie ich letztendlich dort gelandet bin.

Mein Bettnachbar stellte fest, dass ich total Scheisse aussah und konnte es nicht fassen, dass man sich immer noch keine Gedanken wegen des Blutverlustes machte. Ich klärte ihn auf dass laut Bereitschaftsarzt Baldrian die rettende Lösung sei und tröstete mich mit der Tatsache, dass ich nur noch diese eine Nacht überleben musste, denn ab Montag konnte ich mit der Anwesenheit kompetenter Mediziner rechnen.

 

Befand ich mich hier wirklich in einer urologischen Abteilung oder in einem Irrenhaus? Ich blute sporadisch wie ein abgestochenes Schwein und nichts passiert…keiner nimmt mich ernst… ich erkläre denen was bei mir abgeht, und mir wird Baldrian verordnet. Warum werde ich nach inzwischen 3 Blutabnahmen nicht aufgeklärt wie es um den HB-Wert bestellt ist? Was wäre, wenn ich in der kommenden Nacht während der nächsten Blutung definitiv den Löffel abgebe?

Mein Bettnachbar versprach mir, sollten wir uns am kommenden Morgen nicht mehr wieder sehen, die gesamte Mischpoke wegen fahrlässiger Tötung anzuzeigen.

 

In jener Nacht blieb das Licht an. Meinen Bettnachbarn störte das nicht und so konnte ich meine Drainage beobachten. Gegen Mitternacht maulte mich die Nachtschwester an, weil das Licht brannte und fragte nach dem Grund. Leise aber deutlich giftete ich sie an, dass ich aufmerksam meine Drainage beobachte und dass ich bei der nächsten Blutung  die 110, die BILD-Zeitung und einen Rechtsanwalt anrufen werde, weil meiner Meinung nach inzwischen eine lebensbedrohliche Situation eingetreten ist, die in dieser Abteilung scheinbar von allen Seiten bewusst ignoriert wird. Sie fand, dass mein Ton ihr gegenüber unbegründet sei weil sie ja nicht für meinem Zustand verantwortlich sei und ich Diagnosen doch bitte den Ärzten überlassen soll.

Meine Antwort hierauf war deutlich: „Nur zu gerne würde ich das Diagnostizieren den Ärzten überlassen, aber leider ist in dieser urologischen Abteilung außer einem Diagnose-unfähigen Bereitschaftsarzt kein anderer erreichbar der eine Diagnose stellen könnte!“

Das musste gesessen haben, denn die Nachtschwester schaute stündlich vorbei und erkundigte sich mit gespielter Freundlichkeit nach meinem Wohlbefinden.

 

Montag, 06.03.2006… ich begab mich mit sehr, sehr weichen Knien ins Badezimmer zur Morgentoilette und glaubte meinen Augen nicht als ich mich im Spiegel anschaute…ich sah aus wie ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto aus den fünfziger Jahren und während ich noch an der Echtheit meines Spiegelbildes zweifelte kündigte sich auf dem Gang mit der üblichen, nicht zu überhörenden Geräuschkulisse die Visite an. Es war irgendwie eine Fügung des Schicksals, dass gerade in diesem Augenblick die nächste Blutung wieder einmal den Auffangbeutel füllte.

Geschwächt, aber mit einem wichtigen Argument im Auffangbeutel krabbelte ich in mein Bett und wenige Augenblicke später stand das Visite-Team am Fußende meiner Lagerstätte, angeführt von Dr. M, meiner Meinung nach das „allerbeste Pferd im Urologen-Stall“.

Auch der Wochenend-Bereitschaftsarzt befand sich im Gefolge. Die Frage nach meinem Wohlbefinden musste ich mit  „total beschissen“ beantworten. Als Antwort auf die Gegenfrage „wie und warum denn beschissen?“ zog ich den unter meiner Decke verborgenen, mit Blutpampe prall gefüllten  Auffangbeutel hervor.

Dem überraschten Dr. M entgleisten im selben Augenblick die Gesichtszüge als er den Beutel sah und  ich ihm mitteilte, dass das ja nach Aussage des urologischen Pflegepersonals einschließlich Bereitschaftsarzt glücklicherweise kein Frischblut sei, was da seit Samstag Abend fleißig die Auffangbeutel füllt, und dass das  während der Blutungen in den Urinbeutel einsickernde Blut „überhaupt nichts“ damit zu tun hätte.

 

Der Bereitschaftsarzt vom Wochenende fiel mir ins Wort und plapperte, vermutlich um seinem Chef zu imponieren, in arschkriecherischem Ton irgendetwas wie „Lymphozele ist fast zu 100% punktiert“.

Dr. M schaute ihn kopfschüttelnd an und bestätigte laut und deutlich, dass es sich hier um arterielles Blut handelt und die Lymphozele jetzt sekundär sei!  Er ließ sich von mir nochmals bestätigen dass dies bereits Beutel Nr. 4-1/2 und die Bluterei schon seit Samstag im Gange ist und er ordnete an, mich sofort in die Ambulanz zu bringen, weil da „etwas im Busch“ ist. „Seit Samstag“…murmelte er leise vor sich hin… keiner aus der Mannschaft wollte den ersten Schritt tun, bis Dr. M mit Nachdruck sagte, dass wenn er „sofort“ sagt, auch SOFORT meint.

Während man mich samt Bett in die Ambulanz verfrachtete, baute sich in meinem Unterbauch ein unbeschreiblicher Druck auf und mir war in diesem Moment eigentlich schon alles egal. Irgendwie nahm ich das ganze Geschehen um mich herum nicht mehr so richtig ernst. Ca. 5 Minuten lang lag ich in meinem Bett vor dem Behandlungsraum, einsam und alleine, wie bestellt und nicht abgeholt. Der kurz zuvor ersetzte Auffangbeutel, Nr. 5-1/2 war wieder prall gefüllt, der Druck im Unterbauch, zweifelsohne verursacht von einer inzwischen nicht mehr zu stillenden inneren Blutung, einfach unbeschreiblich.

 

Endlich erschien jener freundliche Arzt, der mir freitags die Drainage eingesetzt hatte, rollte mich in den Behandlungsraum und konnte nicht begreifen, was sich gerade abspielte. „Das  gefällt mir aber überhaupt nicht“ meinte er, nachdem er meine kurze Schilderung über die Vorgänge seit der ersten Blutung aufmerksam angehört hatte. Nachdem eine sofortige Ultraschall-Untersuchung nichts ergeben hatte, beschloss er, zunächst einmal den Drainageschlauch zu entfernen und nach vollendeter Tat suchte sich unter dem Druck, der sich in meinem Unterbauch aufgebaut hatte, mein kostbares Blut ungehindert den Weg in die Freiheit. Zunächst als Vollstrahl und als der Druck sich abgebaut hatte, langsam und unaufhaltsam sickernd…

 

Die Kompressen waren eigentlich nur Dekoration da der Doc damit die Blutung nicht stillen konnte. Mein Unterleib, Oberschenkel Beine, Bett, Fußboden… in Sekundenschnelle alles eingesaut mit frischem Blut.

Dann drückte mir der Arzt die letzte verfügbare Kompresse in die Hand und bat mich, das Ding eben mal selbst auf die Wunde zu pressen, während er über Funk Hilfe anforderte.

Wenige Augenblicke später stand Herr Dr. M neben mir, nahm ungläubig das Blutbad zur Kenntnis, erklärte mich kurzerhand zum Notfall, und ordnete eine sofortige Notoperation an. Irgendwann fiel das Wort „Streik“ aber das nahm in meinem Fall glücklicherweise niemand mehr ernst. Stattdessen hörte ich Dr. M sagen, dass wir keine Zeit mehr haben und jetzt allerhöchste Eile geboten ist.  Er schaute mich mit ernstem Gesicht an, erklärte mir ganz ruhig, dass er die Naht der Prostata-OP, vom Nabel bis zum Schambein öffnen, und eine, seiner Meinung nach verletzte Baucharterie reparieren wird. Die Frage, ob ich bereits gefrühstückt hätte konnte ich zu seiner Zufriedenheit mit „nein“ beantworten.

Ich bat ihn, mich nach Möglichkeit nicht krepieren zu lassen und er konterte, dass „wir unser Bestes“ tun werden… und schon ging es mit wehenden Fahnen in den OP Bereich.

 

Total entkräftet musste ich mich letztendlich, vermutlich wegen Personalmangel,  auch noch selbst und ohne Hilfestellung aus meinem Bett auf den OP Tisch quälen, während mir irgend jemand dabei eine Kompresse auf die weiterhin stark blutende Bauchwunde drückte.

Und da lag ich nun… neben mir fluchte eine Schwester weil sie nirgends eine brauchbare Vene fand und der Narkosearzt fragte ob ich „nüchtern“ sei. Ich konnte es mir trotz der ernsten Situation nicht verkneifen zu antworten, dass ich keinen Alkohol trinke… und dass ich meine Henkersmahlzeit am Vortag um 17:30 eingenommen hatte. „Jetzt wird es unangenehm, wir haben keine Zeit, bitte Mund auf und entspannen“ hörte ich ihn aus naher Ferne sagen…

Scheinbar hatte die Schwester endlich eine brauchbare Vene gefunden und mir das vor einer Intubation erforderliche relaxierende Narkosemittel injiziert, aber ich war noch recht gut bei Bewusstsein und das Einführen des Beatmungsschlauches bekam ich voll mit… pfui Deibel, was für ein scheußliches Gefühl. „Bis später dann“, hörte ich Dr. M noch sagen,

dann war ich kurzzeitig weg, kam aber wieder zu mir. Obwohl mein Körper jetzt beinahe total pelzig und gefühllos war, spürte ich, dass meine Unterlippe zwischen meinen Zähnen und dem Beatmungsschlauch eingeklemmt war. Bemerkbar machen konnte ich mich nicht…dann wurde mir ganz weiß vor Augen und plötzlich konnte ich wie in Trance durch einen Schleier hindurch das Treiben um mich herum beobachten. Ich hörte, wie  jemand meinen Blutdruck kommentierte, und etwas wie „halt durch…“, nahm vor mir Herrn Dr. M wahr, der sich bereits in meinem Unterbauch zu schaffen machte, was ich aus seinen Handbewegungen und der totalen Rotfärbung seiner Handschuhe schloss.

War es Einbildung oder gibt es das wirklich: das geheimnisvolle weiße Licht… es war plötzlich da und es erlosch, als jemand meine Wange tätschelte und mich mit meinem Namen ansprach. „Welcome back“ sagte eine männliche Stimme…“wir bringen sie nun in den Aufwachraum“.

Ich schnallte, dass ich das Ding überlebt hatte, denn im Jenseits gibt es vermutlich keine grün vermummten Gestalten.

 

Im selben Augenblick, als ich mit meinem Bett im Aufwachraum positioniert wurde, rollte man in Windeseile einen Ständer heran, an dem einige Beutel mit dunkelrotem Inhalt hingen. Fremdblut….igitt!

Eine weiß bekittelte Dame erklärte mir dass ich sehr viel Blut verloren hätte und eine Transfusion, weil mein Zustand im Augenblick mehr als kritisch ist, unumgänglich sei.

Ich grinste sie müde an und meinte, dass sich meine gelangweilten Metastasen vielleicht freuen wenn sie Gesellschaft von HIV-Erregern bekommen.

Als sie meine Stimme hörte, schaute sie mich genauer an und mit den Worten „ei, das ist ja der Kuschelbär“ (s. 23.02.2006) lockerte sich die Stimmung schlagartig. Ich kannte sie bisher nur vermummt, aber live war sie ein liebenswertes Wesen.

Sie überzeugte mich in einem kurzen Gespräch von der Wichtigkeit der Transfusion, wies auch auf die Gefahren hin aber die Tatsache, dass ich ca. 60% meines Blutes verloren hatte, ließ mir keine andere Wahl.

 

Zu meinem Erstaunen stand plötzlich der Arzt, der mir am Freitag davor die Drainage verpasst hatte, neben meinem Bett. Er setzte sich, schaute mich teilnahmsvoll an und sagte „es tut mir Leid… das geht auf mein Konto“.

Nach einer kurzen anatomischen Beschreibung meines Unterbauches erklärte er mir, dass er beim Stechen des Kanals für den Drainageschlauch eine Arterie beschädigt haben muss. Diese Arterie befindet sich im Normalfalle nicht so nahe am Kanal aber ich war hier scheinbar der berühmte eine Fall unter hunderttausend. Die Beschädigung vergrößerte sich nach und nach und es kam zu temporären Blutungen. Die Frage, ob der im Unterbauch befindliche Schlauch die Beschädigung der Arterie zeitweise lateral abgedichtet hat oder ob es an meinem dicken Blut lag, dass durch schnelle Gerinnung Schlimmeres verhindert wurde, wird unbeantwortet bleiben.

Fehler macht jeder und ich machte diesem Arzt keinen Vorwurf.

 

Wem ich aber lebenslang die Krätze wünschte war der Weißkittel, der mir zu früh die Drainage entfernte und der Bereitschaftsarzt, der nicht erkannt hat oder wegen Streik nicht erkennen wollte, bzw. nicht erkennen durfte, dass ich mich in einer lebensbedrohlichen Situation befand.

 

Gegen 11:30h  lag ich, von der Narkose noch leicht benommen, wieder in meinem Zimmer und feierte mit Fencheltee und Apfelsaft meinen zweiten Geburtstag.

 

Donnerstag, 09.03.2006: um 10:30 ist Zystogramm angesagt.(Dichtheitskontrolle der Naht zwischen Harnröhre und Blasenschließmuskel).

In der Röntgenabteilung angekommen verarztete mich Dr. Allwissend, der mir zu früh die Drainage entfernt hatte. Auf dem Monitor konnte ich verfolgen wie er nach dem Einspritzen der Kontrastflüssigkeit den Katheter langsam zurückzog. Erinnert Ihr Euch was ich bereits sagte von Murphy’s Gesetz?  Dem Gesetz entsprechend hatte ich auch hier wieder mal Volltreffer: Naht undicht! Der Herr im weißen Kittel meinte, dass wir uns in einer Woche wieder sehen werden. Meinen Kommentar, er solle doch den Katheter jetzt schon entfernen und die Undichtigkeit ignorieren weil das frühzeitige Entfernen von Schläuchen ja seine Spezialität sei, nahm er zähneknirschend hin und meinte „den Gefallen tu ich ihnen nicht, sonst steht hinterher ihretwegen wieder die ganze Abteilung auf dem Kopf.“

 

Nun konnte ich mir erklären, warum während der inneren Blutungen auch im Urinbeutel Blut festzustellen war: da die Naht zwischen Harnröhre und Blasenschließmuskel noch nicht gänzlich verheilt war hatte sich hier vermutlich während der Blutungen unter dem hohen Druck Blut durch die undichte Naht einen Weg zwischen Katheter-Außen- und Harnröhren-Innenseite in die Blase gesucht, von wo aus es über den Katheter in den Urinbeutel transportiert wurde. Bestätigt hat mir das allerdings niemand. Im Gegenteil, man wich bis zum Entlassungstag generell allen Fragen aus, die ich im Zusammenhang mit dem Zwischenfall stellte. (Sorry, ich soll ja das Diagnostizieren den Ärzten überlassen!)

 

Die Woche verging meiner Meinung nach viel zu langsam. Wann genau mir die Klammern aus der OP-Narbe und die Drainage die man mir nach der Not-OP eingesetzt hatte, entfernt wurde, weiss ich nicht mehr.…ich fühlte mich einfach nur noch schlecht, vornehme Blässe zierte noch immer mein Gesicht, meine täglichen Spaziergänge durch die Abteilung waren nur schrittweise, hilfesuchend an den Handläufen oder mit Unterstützung meiner Frau möglich.

 

Donnerstag, 16.03.2006: heute wieder Zystogramm! Anstelle des Drainageschlauch-Experten empfing mich kein anderer als dieser Diagnose-unfähige Bereitschaftsarzt, der (vielleicht wie einst der berühmte Dr. Eisenbarth) meinen Blutverlust mit Baldrian kompensieren wollte. Er würdigte mich keines Blickes, tat schweigend seinen Job und mit den Worten „alles dicht“ befreite er mich ziemlich grob von dem Katheter, schmiss mir wortlos einen Zellstoff-Aufnehmer auf den Schniedel und verschwand.

Schnell rieb ich mich trocken, zog das mitgebrachte Netzhöschen an, stopfte eine Vorlage (von mir als Einlage bezeichnet) hinein und suchte, noch etwas schwach auf den Beinen aber gut gelaunt, mein Zimmer auf.

Uff…endlich wieder ohne diesen dämlichen Katheter!

Klinikhemd aus… Trainingshose und T-Shirt an…ich war wieder halbwegs Mensch.

Nun kam Spannung auf, wie es wohl um die Kontinenz bestellt sein würde. Meinen Beckenboden hatte ich bereits einige Wochen vor der OP täglich ausgiebig trainiert, obwohl man mir vorausgesagt hatte, dass bei nicht Nerven erhaltender OP, wochen- bis monatelange Inkontinenz die Folge wäre.

 

Nach einer Flasche Apfelsaft und 2 Tassen Tee verspürte ich Harndrang:  es kam Freude auf als ich auf dem WC zunächst feststellte, dass meine Einlage noch trocken war und es war ein großer Augenblick, nach über 3 Wochen wieder selbsttätig Wasser zu lassen. Und es lief gut… dann provozierte ich eine kurze Strahlunterbrechung: absolut dicht!  Zu Ende pinkeln, Einlage wieder rein und runter in die Cafeteria auf eine Tasse frisch gebrühten starken Kaffee und Käsekuchen!

 

Mit der Nachtschwester war ich überein gekommen, mich alle 2 Stunden zu wecken damit ich meine Blase entleeren konnte. Es funktionierte, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen in die  Einlage ging.

 

Freitag, 17.03.2006: morgens Blutabnahme und um 11:00h Beckenbodengymnastik! Die Krankengymnastin zog mit mir die gleichen Übungen durch, deren Anleitung ich mir seinerzeit aus dem Internet herunter geladen hatte. Sie war zufrieden mit mir und noch zufriedener, dass während der Übungen kein einziger Tropfen in die Einlage gegangen war.

Mein Operateur hatte wirklich gute Arbeit geleistet!

Am späten Nachmittag kam etwas aufgelöst ein Assistenzarzt zu mir und meinte, dass er nochmals Blut abnehmen müsse weil mein HB Wert plötzlich nur noch 10, anstelle der 13 vom Vortag sei. Mir rutschte zunächst das Herz in die Hose, aber da ich den Laden inzwischen ein wenig kannte war mir klar, dass ein Irrtum vorliegen musste, was sich dann auch bestätigte.

 

Im 2 Stunden-Rhythmus zog ich auch in dieser, meiner letzten Nacht in der Klinik, die Pinkelpausen durch. Wiederum keine Probleme. Da kam Freude auf und die Nachtschwester beglückwünschte mich.

 

Samstag, 18.03.2006: heute, gegen 09:00h soll ich entlassen werden! Ich konnte es kaum glauben. Statt der veranschlagten 11 Tage hatte ich beinahe 4 Wochen in dieser Klinik verbringen müssen.

 

Gegen 08:30h traf meine Frau ein, half mir beim Koffer packen und als um 09:00h ein Arzt auftauchte war die Freude zunächst groß, denn ich hatte damit gerechnet, dass jener mich nun mit den entsprechenden Papieren und Befunden von Dannen ziehen lässt.

Leider sagte er nur, dass ich verdammt blass um die Nase sei und weg war er…

Warten… warten… bei der Pflegedienstleiterin probierte ich gegen 10:30h in Erfahrung zu bringen, wann ich denn nun endlich mit meiner Entlassung rechnen könne.  Sie wunderte sich dass ich noch immer präsent war. Scheinbar hatte man meine Entlassung vergessen. Sie tätigte einen Anruf, irgendwann erschien ein Arzt mit einem fast unlesbar bekritzelten Klinik-Briefbogen, klatschte einen Stempel darauf, wünschte mir alles Gute und drückte mir noch 3  Casodex in die Hand. „Machen sie künftig weiter mit Casodex, die sind besser als die anderen Flutamid Tabletten“.

Somit war ich also entlassen. Nichts wie weg von dieser Stätte des Grauens… nach Hause in unsere Höhle!

 

Einlagen zum Auffangen unerwünschter Tropfen aus meiner Blase hatte ich ausreichend in der Klinik mitgehen lassen, also war fürs Wochenende gesorgt.

Nur meine weiterhin bestehende vornehme Gesichtsblässe machte mir Sorgen. Lag es am fast 4-wöchigen Defizit an gesundem Schlaf  oder war mir die Transfusion des Fremdblutes nach der Not-OP nicht bekommen?

Egal, nun wollte ich nichts anderes als erst einmal wieder  richtig ein- durch- und ausschlafen!!!

 

Vor dem Schlafen gehen hatte ich einen Cocktail aus Psychopharmaka, Baldrian und einer Schlaftablette eingenommen und eine auslaufsichere XXL-Einlage in der Unterhose, weil ich nicht die Absicht hatte, meinen wohlverdienten Schlaf zu unterbrechen.

 

Das Erwachen am 19.03.2006 war ein Erlebnis. Ich hatte es geschafft, von 22:00h bis 10:15h ohne Unterbrechung durchzuschlafen. Das verlassen meines Bettes war amüsant weil das Gewicht meiner übervollen XXL-Einlage mich fast am Aufstehen hinderte. Es war mir aber vollkommen egal! Ich hatte seit fast 4 Wochen wieder einmal richtig geschlafen, dafür lässt man schon mal eine Einlage voll laufen.

 

Den Sonntag verbrachte ich vor dem TV auf der Couch. Zwischendurch immer wieder Beckenbodengymnastik, meine Frau verwöhnte mich mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten, besonders hervorzuheben ihre unsagbar leckere, Kondition aufbauende Haferflockensuppe mit Ei (schiel…)

 

20.03.2006: Besuch beim Urologen, der über den Klinik-Befund nicht sonderlich erfreut war.

Es bedurfte gar keiner Frage dass die Hormonbehandlung fortgesetzt werden musste und ich bekam erneut eine 3-Monats Depotspritze Buserelin und ein Rezept für Flutamid.

Casodex, von dem Klinikarzt bei der Entlassung empfohlen, war für mich als Kassenpatient leider nicht drin.

An dieser Stelle ein dreifach donnerndes Helau für Ulla Schmidt!

 

Meine Apothekerin schien etwas erschrocken als ich bleich wie Graf Dracula auf Entzug vor ihr stand.  Eine Vitamin B12-Trinkkur und eine große Flasche Kräuterblut war ihr Vorschlag auf meine Frage, was ich gegen meine Abgeschlagenheit einnehmen könnte. So geschah’s. Irgendwie verspürte ich nach einigen Tagen eine positive Wirkung.

 

Inkontinenzprobleme hatte ich so gut wie überhaupt nicht. Tagsüber trainierte ich meine Blase indem ich den Gang zum Pinkeln so lange wie möglich herauszögerte und machte fleißig Beckenbodengymnastik; in der Nacht wurde ich automatisch wach wenn die Blase sich meldete. Hin und wieder gingen auch ein paar Tropfen in die Einlage aber im Großen und Ganzen nicht erwähnenswert. Wenn ich einen Spaziergang  oder Einkaufsbummel machte hatte ich oft das Gefühl, wenn ich jetzt nicht zur Toilette gehe, geht’s in die Einlage. Das war normal denn der Blasenschließmuskel musste erst mal richtig trainiert werden.

 

Am 29.03.2006, fuhr meine Frau mich zur Anschlussheilbehandlung in den Schwarzwald.

Die Leichenblässe in meinem Antlitz war inzwischen einer etwas gesünderen Gesichtsfarbe gewichen und die AHB tat mir wirklich gut. Täglich postoperative Gymnastik, Beckenbodengymnastik und Reizstrombehandlung, Massagen, absolut interessante Vorträge für Krebspatienten, Diskussionsmöglichkeiten, soziale und psychologische Betreuung, gutes Essen, (heimlich Schwarzwälder Kirschtorte mit mehr Kirschwasser als Schwarzwald drin), lustige Tischgesellschaft und meine Frau konnte an den Wochenenden und während der Osterfeiertage gegen einen ehrlichen Aufpreis in Vollpension bei mir im Zimmer übernachten. Kontinenzmäßig war ich bereits so weit, dass ich sogar während der Gymnastikstunden auf die hinderlichen Einlagen verzichtete.

Auf Grund der ungünstigen Prognose und des besch… Befundes meine Krankheit betreffend, erfüllte ich die Kriterien für die Teilnahme an einer klinischen Studie, wozu ich mich auch bereit erklärte. Hierauf möchte ich aber in dieser Geschichte nicht weiter eingehen.

 

Putzmunter und runderneuert, noch mäßige Probleme mit Lymphstau in den Leisten, wurde ich am 19.04.2006 aus der AHB entlassen, PSA < 0,05,  Testosteron 0,30… also alles in bester Ordnung und keine Anzeichen von Inkontinenz.

 

Zu Beginn hatte ich bereits erwähnt, dass bei mir im August 2005 auch der Verdacht auf Darmtumor bestand und eine Darmspiegelung mit Biopsie nichts an den Tag gebracht hatte. Wie gesagt, nach der M2-PK Meßmethode hatte ich gegenüber dem Grenzwert (< 4) einen Wert von 30.

Gegen eine unbedeutende Entzündung hatte ich bis zur Prostata-OP am 23.02.2006 Tabletten eingenommen, diese aber abgesetzt weil ich davon Hautprobleme bekam.

 

Da weder bei mir noch bei meinem Hausarzt das Darmproblem als gelöst vom Tisch war und ich ein neugieriger Mensch bin, ließ ich, auf eigene Rechnung versteht sich, nach der Entlassung aus der AHB, genau 8 Wochen nach der Prostata-OP erneut eine Stuhluntersuchung nach M2-PK durchführen. Das Resultat  war  7, also wesentlich besser als die 30 vom August 2005.

Ein letzter Test im Juni 2006 ergab: < 4, also nichts Tumoröses nachweisbar! Während der Besprechung mit dem Hausarzt  kam die Vermutung auf, dass die M2-PK Meßmethode, die speziell für Darmkrebs-Früherkennung entwickelt wurde, dermaßen empfindlich sein muss, dass sie vermutlich auf das hochaggressive Prostatakarzinom reagiert hat. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Ich nehme an, dass man inzwischen betr. M2-PK neue Erkenntnisse gewonnen hat.

Ich bin kein Arzt, aber dennoch: falls einer der männlichen Leser bei der Stuhluntersuchung nach M2-PK einen erhöhten Wert hat, aber kein Darmkrebs nachweisbar ist, dann lasse er im eigenen Interesse sofort den PSA Wert bestimmen, auch wenn es ein paar Euronen kostet.

 

Was die Prostata betrifft, wartet nicht bis Ihr 50 seid und lasst zur eigenen Sicherheit zwischendurch den PSA-Wert testen. Dann habt Ihr die paar Euro sinnvoller investiert als in Alkohol  und Zigaretten.

Nehmt regelmäßige Krebs-Vorsorge-Untersuchungen ernst und wenn Ihr auch nur den geringsten Zweifel an einem Ergebnis habt, holt Euch Zweitmeinungen ein, das Recht habt Ihr!

Ich bin mir sicher, hätte ich 2003 sofort den Urologen gewechselt ginge es mir heute wesentlich besser, bzw. gut.

Trotzdem kann ich mit der Erkrankung leben und umgehen und ich sehe keinen Grund, mich nun mit Jammern, Selbstmitleid, Selbstaufgabe, Alkohol oder gar Suizidgedanken zu beschäftigen.

 

An dieser Stelle ein ganz besonderes Dankeschön an meine wunderbare Frau, die mir seit der niederschmetternden Diagnose im Oktober 2005 mit dem Schlachtruf „WIR SCHAFFEN DAS GEMEINSAM!“ tapfer zur Seite steht. Schon alleine ihr zuliebe lohnt es sich, nicht aufzugeben.

Love You, Brigitte!

 

Heute, am 11.05.2008 greift die Hormonbehandlung noch immer(mal schnell auf Holz klopfen), mein

PSA Wert ist unverändert  < 0,05, ich habe meine Ernährung auf „total gesund“ umgestellt, bediene mich einiger Nahrungsergänzungsmittel aus der Trickkiste von Mutter Natur, genieße jede Minute mit meiner Frau und hoffe, dass wir gemeinsam noch viele schöne Jahre zusammen verbringen können.

 

Wird fortgesetzt…

 

von boeserWolf - veröffentlicht in: Prostakrebs
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