Prostatakrebs, überschattet von Pleiten, Pech und Pannen
Eine leider wahre Geschichte über (m)einen Fall, begleitet von Pleiten, Pech und Pannen.
Prostatakrebs…
„… nee, nicht bei mir…ist doch was für alte Opas….“
Welcher Mann unter 50 beschäftigt sich im Laufe seiner Sturm- und Drangzeit mit dem Thema Prostatakrebs? Mal ehrlich, solange „der da unten“ funktioniert ist doch alles im grünen Bereich, oder?
Auch mich tangierte dieses Wort nur lateral, wie man zu sagen pflegt wenn einem etwas am Allerwertesten vorbei geht. Obendrein war mir bekannt, dass eine entsprechende Vorsorge-Untersuchung ab ca. 50 Jahren in Angriff genommen werden sollte und bis es so weit war hatte ich mehr als 10 Jahre Zeit. Zumindest dachte ich das damals.
Tja, wenn Du denkst Du denkst…
Damals lebte ich noch als Auswanderer in Belgien und fand immer einen Grund, nicht zur Vorsorge-Untersuchung zu gehen.
Im Dezember 2001, im blühenden Alter von 51 Jahren konsultierte ich wegen eines Blutdruckproblems meinen Hausarzt. Der fackelte nicht lange und ging direkt über zur Krebs-Vorsorge-Untersuchung.
Obwohl das Abtasten der Prostata keine Auffälligkeiten vermuten ließ, empfahl er mir, weil ich sowieso zur Blutabnahme ins Labor überwiesen wurde, zur eigenen Sicherheit den PSA-Wert (Prostata-Spezifisches Antigen) ermitteln zu lassen. Dass mein belgischer Doc selbst kein Blut abgenommen hat liegt daran, dass sich in Belgien vielerorts Labors befinden, die auch auf Blutabnahmen spezialisiert sind. Der Weg der Blutproben bis zum Arbeitstisch der Laboranten beträgt somit nur wenige Meter, das bedeutet, dass das Blut quasi immer frisch von der Quelle analysiert werden kann.
Nach 24 Stunden lag beim Doc der Laborbefund vor. Neben besorgniserregender Leberwerte, war der PSA-Wert von 4,40 als erhöht zu bezeichnen, was man Angesichts meines Alters und der Größe der Prostata nach Meinung des Hausarztes nicht ignorieren sollte. Er schlug vor, nach einer 3-monatigen Wartezeit nochmals den PSA-Wert zu begutachten und dass ich mich, sollte dieser Wert gleich geblieben sein oder sich erhöht haben, in urologische Obhut begeben solle, um die Ursache zu ergründen. „Sicher ist sicher!“
Verstecktes Blut im Stuhl war nicht zu entdecken. Somit keine Gefahr im Darm. Das EKG ließ auch nichts Abnormales vermuten.
Die Ursache meines erhöhten Blutdruckes war wohl zu häufiger Genuss des belgischen Trappistenbiers, selbst hergestellter Obstweine und anderer belgischer kulinarischer Schweinereien.
März 2002: inzwischen war in meinem privaten Bereich allerlei geschehen, die Trennung von meiner Frau und von meinem Gastland Belgien stand bevor, ich hatte alle Hände voll zu tun um meinen Rückzug nach Deutschland vorzubereiten, keine Zeit für meine Gesundheit und den erhöhten PSA-Wert, den ich als positiv denkender Mensch einfach verdrängte. Am 09.03.2002 zog ich von Belgien ins schöne Schwabenländle, freute mich meines Lebens und blühte auf in einer neuen Beziehung. Gesunde Ernährung wurde plötzlich ganz groß geschrieben, alkoholische Getränke abgeschafft und die Waage zeigte nach genau einem Jahr anstatt 102 nur noch 79kg an. Meine einzigen Laster waren das Rauchen und übertriebener Kaffeekonsum. Dennoch hielt sich mein Blutdruck dauerhaft im akzeptablen Rahmen von ungefähr 130:80, die Leberwerte bewegten sich wieder im Normbereich, ebenso das gute und das schlechte Cholesterin.
Im April 2003 vertraute ich mich wegen längst fälliger Vorsorge-Untersuchung, sporadisch auftretender Potenzprobleme und Unregelmäßigkeiten beim Wasser lassen einem Allgemeinmediziner an, der inzwischen mein Hausarzt ist.
Das verdrängte Thema „erhöhter PSA-Wert“ war plötzlich wieder aktuell.
Gesagt, getan, Laborbefund PSA-Wert 4,22. Der Doc nannte eine Reihe von möglichen Ursachen die zu einem erhöhten PSA-Wert führen können und überwies mich zum Urologen, um Licht ins Dunkel bringen zu lassen.
In der Urologischen Praxis von Herrn Dr. X, einem recht arroganten Zeitgenossen, niedergelassen im Herzen der Stadt, wurde zunächst ein Urogramm erstellt.
Nachdem hier keine Auffälligkeiten zu erkennen waren, tastete der Urologe ausgiebig die Prostata ab und stellte fest, dass selbige nicht vergrößert und „schön weich“ war und kritisierte meinen Hausarzt, der mich wegen einer solchen Lappalie zum Facharzt überwiesen hatte. Dann erzählte mir Herr Dr. X, dass unter den derzeitigen Umständen ein Krebsrisiko in den nächsten Jahren so gut wie ausgeschlossen sei und ich solle mir keine Gedanken machen, weil Prostatakrebs meist erst im Greisenalter nachweisbar sei.
Er selbst habe einen PSA-Wert von 5,7 und auch keinen Prostatakrebs.
Abschließend meinte er, dass mein Hausarzt sich besser um seine Hustenpatienten kümmern und wegen eines leicht erhöhten PSA-Wertes nicht die Gäule scheu machen solle.
Meine Potenzprobleme konnte er wie folgt erklären: ich solle mich erst einmal richtig auf meiner neuen Partnerin einreiten. Das Pinkelproblem war in seinen Augen eine leichte Prostatitis wogegen er mir ein Antibiotikum (unverkäufliches Muster) in die Hand drückte.
Nach 10 Tagen wurde ich gemäß Terminabsprache wieder vorstellig bei Herrn Dr. X, ohne jegliche Verbesserung von Potenz- und Pinkelproblemen. Auf meine Frage, ob eine Biopsie nicht doch ratsam wäre, flippte er total aus, erzählte mir lautstark und mit hochrotem Kopf, wie viel Verlust er an Kassenpatienten meines Kalibers macht und dass für eine Biopsie keinerlei Grund bestehe.
Zur Lösung des Potenzproblems verordnete er mir Geduld und Zuversicht, mit dem Pinkelproblem sollte ich lernen umzugehen.
August 2004. Vorsorge-Untersuchung beim Hausarzt, PSA 4,17 also mehr oder weniger stabil geblieben.
Dennoch empfahl mein Doc einen zusätzlichen Besuch beim Urologen, aber ich wollte mir den Herrn Dr. X nicht mehr antun und hatte ehrlich gesagt etwas Bammel, mich als Kassenpatient auch bei einem anderen Urologen lächerlich zu machen. Obendrein hatte ja Merkwürden Urologe Dr. X bereits im April 2003 versichert, dass er Prostatakrebs ausschließt und es noch Jahre dauert bis „da etwas im Argen“ ist.
Mitte August 2005: ich fühlte mich urplötzlich im schönsten Sommer einfach krank und beschissen, als ob ich eine Grippe ohne Fieber hätte. Vorsorge 2005 war sowieso fällig, also hin zum Hausarzt.
Dieses Mal landete ich 2 Volltreffer: PSA-Wert 7.56 und obendrein Verdacht auf eine Tumorerkrankung im Darm. Die Stuhluntersuchung nach M2-PK, eine neue Methode dem Darmkrebs auf die Spur zu kommen, wesentlich genauer und aussagekräftiger als das traditionelle Aufspüren von verstecktem Blut im Stuhl, hatte ich kostenpflichtig auf eigene Rechnung durchführen lassen (ca. 30,--Euro). Ebenso wie die bisherigen PSA-Wert-Bestimmungen, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, so lange bis eindeutig geklärt ist, dass man Prostatakrebs hat. Erst mit dem Beginn einer Therapie übernimmt die GKV die Kosten (ca. 20,-- Euro).
Die Anfang September 2005 durchgeführte Darmspiegelung mit Biopsie ergab allerdings keinen Hinweis auf eine Tumorerkrankung im Darm. Es wurde lediglich eine unbedeutende Entzündung lokalisiert und medikamentös behandelt. Der Enterologe wunderte sich allerdings, denn der Grenzwert bei der Untersuchung nach M2-PK ist < 4 während ich mit einem ungewöhnlich hohen Wert von 30 aufwarten konnte. Das Geheimnis wird später am Ende dieser Geschichte gelüftet.
Ebenfalls im September 2005 wurde ich nun notgedrungen wieder beim Urologen Herrn Dr. X vorstellig. Der begann die Sprechstunde mit einer Schimpftirade aufs Gesundheitssystem, verfluchte die Gesundheitsreformen samt der Regierungsmischpoke, klagte bitterlich, was er selbst doch für eine arme Sau sei, schüttelte über den PSA-Wert von 7,56 ungläubig sein fachärztlich-göttliches Haupt, murmelte so etwas wie „Laborfehler“ vor sich hin und tastete anschließend die Prostata ab. Nach dieser Prozedur schaute er mich grimmig an, schimpfte auf meinen Hausarzt, der es seiner Meinung nach unterlassen hatte, mich RECHTZEITIG zu überweisen, weil meine Prostata steinhart ist und es sich allem Anschein nach um Krebs handelt. Ich berief mich auf seine Aussage vom April 2003, dass bei mir -wenn überhaupt- der Ausbruch einer bösartigen Prostata-Erkrankung noch Jahre auf sich warten lasse. Daran konnte er sich plötzlich nicht mehr erinnern und bestritt, jemals so etwas gesagt zu haben!
Augenblicklich vereinbarte er telefonisch mit der seiner Meinung nach besten Klinik für urologische Angelegenheiten für mich einen Biopsie-Termin und bat mich, ca. 7 Tage nach der Biopsie bei ihm anzurufen wegen des Befundes.
Die Biopsie fand am 21.09.2005 in der urologischen Ambulanz dieser Klinik statt.
Meine Frau, die an diesem Tag Geburtstag hatte begleitete mich und wich nicht von meiner Seite. Das freundliche Auftreten des Klinikarztes und seine Gelassenheit nahmen mir bereits im Vorfeld jegliche Angst vor der Biopsie. Die Angelegenheit verlief schmerzlos, lediglich ein leichtes Kneifen im Dammbereich war zu spüren. Man gab sich mit 6 Stanzproben zufrieden und nach 15 Minuten war der Spuk vorüber. Es folgten 30 Minuten Wartezeit, dann Urinkontrolle um eventuelle Blutungen auszuschließen.
Pünktlich am 7. Tag nach der Biopsie, also am 28.09.2005 rief ich beim Urologen an. Die Arzthelferin konnte leider keinen Befund in meiner Akte entdecken und vertröstete mich für 3 weitere Tage. Ein irres Gefühl, glaubt mir. Krebsverdacht und nach der Biopsie kein Befund in den Unterlagen.
Nach weiteren Tagen ergebnislosen Telefonierens und Wartens erzählte die Arzthelferin, dass sie mit dem Labor gesprochen habe: eine Teilzeitkraft müsse angeblich noch 350 Befunde tippen…. und das im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung…grübel…
Als am 24.10.2005 (mehr als 1 Monat nach der Biopsie!!!) meine Frau einen freien Tag hatte rief sie Vormittags selbst beim Urologen an und ließ sich, weil noch immer kein Befund vorlag, die Durchwahl vom Klinik-Labor geben.
Das Labor bestätigte, dass der Befund bereits am Folgetag der Biopsie, also am 22.09.2005 per Fax an die Praxis Dr. X übermittelt wurde. Meine Frau ließ sich auf keine weiteren Diskussionen ein und forderte das Labor auf, uns unverzüglich den Befund per Fax nach Hause zu schicken, was vom Labor genau 2 Minuten später auch in die Tat umgesetzt wurde.
Die Augen auf unser Faxgerät fixiert...totale Stille im Raum…und dann kam der Befund langsam und unerbittlich, Zentimeter um Zentimeter aus dem Faxgerät. Der absolute Alptraum: 6 Gewebeproben und bei allen Proben absoluter Volltreffer!
Befund: Malignität G3, Gleason 9 (5+4). Was diese Werte bedeuteten, wussten wir leider nur zu genau, weil wir uns seit der Biopsie intensiv mit dem Thema Prostatakrebs beschäftigt hatten. Ein bitterbösartiger Tumor, von hoher Aggressivität!
Der Augenblick war unbeschreiblich. Mein Körper wirkte wie eingefroren. Das Gefühl eines eingeschlafenen Armes oder Beines plötzlich über den gesamten Körper verteilt. Die Worte meiner Frau kamen von ganz weit her.
Meine Frau telefonierte sofort mit der Praxis Dr. X und bat um einen Termin(der 7 Tage später sein sollte). Da war die Arzthelferin bei meiner Frau allerdings an der richtigen Adresse und eine Stunde später, als ich meine 5 Sinne einigermaßen wieder beieinander hatte, waren wir unterwegs zur Praxis.
Herr Dr. X, wollte meine Frau nicht mit ins Sprechzimmer lassen und machte, nachdem ich ihn feierlich von der Schweigepflicht entbinden musste, einen entsprechenden Vermerk in meine Akte. Gäbe es Gerechtigkeit auf dieser Welt, hätte ihn spätestens in diesem Augenblick der Teufel geholt!
Da ich mich bereits im Vorfeld dafür entschieden hatte, im Fall von Prostatakrebs eine Totaloperation über mich ergehen zu lassen, vereinbarte Herr Dr. X mit der Klinik (in der auch die Biopsie gemacht wurde) einen Vorstellungstermin und überwies mich zusätzlich an einen Radiologen zwecks Erstellung eines Knochenszintigramms.
Ferner verschrieb mir der Urologe Flutamid, Tabletten, die die körpereigene Produktion des männlichen Hormons Testosteron stoppt, weil, ganz grob beschrieben, Prostatakrebs vom Testosteron lebt. Ich war mir sicher, dass ich die nächsten Tage vermutlich schlaflose Nächte haben würde und bat den Urologen, mir ein wirksames Schlafmittel und etwas für mein strapaziertes Nervensystem zu verschreiben. Pustekuchen! „Holen sie sich Johanniskraut, gibt’s in jeder Apotheke oder im Supermarkt“. In diesem Augenblick hätte ich ihm am liebsten eine Handgranate in seinen urologischen Allerwertesten geschoben und abgezogen!
Am 25.10.2005 vormittags hatte ich das Glück, ohne Wartezeit in einer privaten Radiologischen Praxis das Knochenszintigramm anfertigen zu lassen. Auch die Lunge wurde geröntgt. Die Ergebnisse waren befriedigend: trotz der Aggressivität des Prostatakarzinoms waren keine Absiedlungen von Metastasen in Knochen, Lunge oder Wirbelsäule nachweisbar. Anscheinend hatte der Tumor die Kapsel noch nicht gesprengt. Ich betone ANSCHEINEND, denn um auffällig zu sein müssen Metastasen eine Mindestgröße haben.
Am 14.11.2005 stellte ich mich wie vereinbart, meine Frau an meiner Seite, in der urologischen Ambulanz vor. Der Klinikarzt begutachtete den Überweisungsschein, las Name und Anschrift des Urologen Dr X und meinte grinsend und kopfschüttelnd zugleich „ach Du Sch…. gibt es den immer noch? Der sollte besser seine Praxis schließen“. (Am Rande bemerkt, ich spazierte später, Ende Dezember 2007 zufällig am Haus mit der Praxis Dr. X vorbei und konnte feststellen, dass es ihn, bzw. seine Praxis nicht mehr gibt und er weder im Telefonbuch noch in den Gelben Seiten anderer Orts eingetragen ist).
Ich erzählte kurz, was ich seit 2003 mit Herrn Dr. X alles erlebt hatte und der Klinikarzt überwies mich unaufgefordert an einen kompetenten Urologen, der übrigens nur 400m von unserer Wohnung entfernt seine Praxis hat. Im Anschluss wurde die gesamte Prozedur der Prostataentfernung bis ins kleinste Detail abgeklärt. Es stand fest, dass in meinem Fall eine Nerven erhaltende OP ausgeschlossen war.
Nachdem abschließend ein Operateur von dem Resultat, das manche Leute erzielen wenn sie mit dem Rauchen aufgehört haben, nämlich stoffwechselbedingtes Übergewicht, Kenntnis genommen hatte, meinte er dass wir uns nach erfolgreicher Gewichtsreduktion von mindestens 15 kg wieder zusammensetzen um einen OP-Termin festzulegen.
Es war der 17.11.2005 als ich mich meinem neuen, mir von der urologischen Ambulanz empfohlenen Urologen anvertraute. Nur 10 Fußminuten schnurgeradeaus von unserer Wohnung.
Zusätzlich zum Flutamid was ich bereits seit dem 24.10.2005 einnahm, injizierte er mir ein 3-Monats- Depot Buserelin (Profact). Das ganze nennt sich Hormonbehandlung, die wachstumshemmend auf den bestehenden Tumor, bzw. Metastasen wirkt.
Um zu verhindern dass mir durch dieses Buserelin, das auf den männlichen Körper wie Östrogen wirkt, ein Busen wächst, wurden mir Beginn Dezember beidseitig die Brustwarzen und Umgebung bestrahlt. Ein Busen wuchs mir nicht, aber es gab andere Nebenwirkungen wie z.B. Hitzewallungen, zu vergleichen mit denen von Frauen in den Wechseljahren. Leider geht während dieser Hormonbehandlung auch die Libido flöten, das heißt, die Lust auf Sex nebst Potenz wird langsam aber sicher auf Null heruntergefahren. Tja, man(n) hat’s dann wirklich nicht leicht und Frau auch nicht. Das aber nur am Rande bemerkt. Betroffene können sich in zahlreichen Foren und last but not least bei einem kompetenten Urologen über dieses Thema und entsprechende Hilfsmittel informieren.
Inzwischen tat ich mein Allerbestes um die geforderten 15 kg, die mich von der wichtigen OP trennten, abzunehmen.
Kohlsuppe bis zum Erbrechen, Rohkost, selbst gebastelte Diäten, Ergometer-Training und siehe da, das positive Resultat von minus 18kg nach 12 Wochen ohne irgendwelche Konditionsschäden konnte sich sehen lassen. Nach erneuter Vorstellung in der urologischen Ambulanz am 25.01.2006 wurde der OP-Termin festgelegt: Einchecken am 14.02., OP am 15.02.
Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: am 13.02. bekam ich eine telefonische Absage von der Klinik wegen Streik! Total ätzend! Seelisch, geistig und körperlich eingestellt auf den anstehenden Termin und dann eine Absage. Man vertröstete mich auf den 22.02.2006
20.02.2006: Voraufnahme in der Klinik, d.h., sämtlicher Papierkrieg, Besprechung mit dem Narkosearzt, Blut- und Urinkontrolle wurden im Vorfeld erledigt.
22.02.2006: um 14:00 Uhr konnte ich gut gelaunt, ohne Stress und Warterei in ein großes, helles modernes 2-Bett-Zimmer einziehen.
Gegen 17:00h verpasste mir ein wortkarger Zivi eine Vollrasur von der Brust bis zum Knie. Der junge Mann kam mit meinem schwarzen Humor einfach nicht zurecht und schaute mich nur vergeistigt an, was sich während der gesamten Dauer meines Krankenhausaufenthaltes auch nicht ändern sollte. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch mit einer sehr starken Körperbehaarung gesegnet, und der Zivi zu dämlich war, eine entsprechend große Unterlage zu benutzen, sah es nach der Rasur im und um mein Bett herum aus wie Sau. Obendrein hatte er es geschafft, mich mit den Einwegrasierern etliche male zu verletzen, was ihm einen Anschiss der Pflegedienstleiterin einbrachte.
Die Nacht verbrachte ich sehr unruhig, aber nicht wegen Aufregung oder Angst.
Das mir verabreichte Abführmittel, dessen Wirkung sich erst gegen Mitternacht bemerkbar machte, hielt mich in unterschiedlichen Zeitintervallen bis gegen 05:00h auf Trab.
23.02.2006: der große Tag der OP. Wecken um 06:00h, Blutdruck und Temperatur messen, duschen, Kompressionsstrümpfe anziehen, Beruhigungstablette einnehmen und warten…
Visite gegen 08:00h. Der Arzt, der mich seinerzeit in der urologischen Ambulanz über die OP aufgeklärt und mir den neuen niedergelassenen Urologen empfohlen hatte, war mit von der Partie, beglückwünschte mich zu der erfolgreichen Gewichtsabnahme und wünschte mir alles Gute für die OP. Dann wieder warten.
Um 09:00h rollte man mich(im Bett selbstverständlich) in den OP-Bereich. Das bereits vermummte OP-Team stellte sich mir kurz vor, etwas Weibliches(nur am Busen zu erkennen) vergewisserte sich dass ich auch ordnungsgemäß rasiert sei. Ich reklamierte scherzhaft, weil man mich meiner gesamten Körperbehaarung beraubt hatte und meine Frau, die mich deswegen Kuschelbär nennt, jetzt gewiss sauer ist weil man mich durch die Rasiererei quasi „entkuschelt“ hatte. Kichernd führte sie mir eine Nadel in eine Vene des Handrückens ein und die letzten Worte die ich wahr nahm waren „schlaf gut, Kuschelbär“.
Irgendwann kam ich irgendwo langsam zur Besinnung. Eine Krankenschwester strahlte mich an und auf meine Frage, ob ich jetzt im Himmel sei meinte sie, dieser sei momentan überbelegt und ich müsse mich mit dem Aufwachraum zufrieden geben.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich halbwegs ansprechbar war, erklärte sie mir die Bedeutung der an mir angeschlossenen Teile.
Die „automatische Krankenschwester“ eine sinnvolle Erfindung, hatte es mir angetan. Sollten mich irgendwelche Schmerzen zu sehr plagen, einfach auf den Knopf drücken und Linderung ist garantiert.
Im Halbschlaf verbrachte ich den Tag und die folgende Nacht im Aufwachraum ohne besondere Vorkommnisse. Nur die ungewohnte Rückenlage verursachte im Bereich meines Steißbeins einen Dauerschmerz, gegen den auch der Knopfdruck auf die automatische Krankenschwester nichts auszurichten vermochte.
24.02.2006: ich glaubte meinen Ohren nicht, als ich gegen 07:00h gebeten wurde, vorsichtig aufzustehen um Zähneputzen und so gut es geht eine Katzenwäsche zu verrichten. Eine Schwester „nabelte“ mich von den Geräten ab, leistete Hilfestellung beim Aufstehen, erklärte mir, wie ich mich beim Herumlaufen künftig mit den Attributen Katheter im Schniedel und zwei Wunddrainagen im Unterbauch arrangieren müsse und ich arbeitete mich Schritt für Schritt, wie mit 2 Promille im Blut, hin zu dem rettenden Stuhl der sich vor dem Waschbecken befand.
Nach getaner Arbeit wankte ich (dieses Mal mit bestimmt 3 Promille) in Gegenrichtung zurück zu meinem Bett, konnte mich eben noch setzen und der Kreislauf spielte total verrückt. Wollte mich die Schwester verarschen oder mir nur Mut zusprechen als sie sagte, dass ich meine Sache außerordentlich gut gemacht habe? Ich grübelte nicht lange und war heilfroh, als ich wieder die Horizontallage eingenommen hatte, trotz Aua im Steißbein.
Gegen 11:00h rollte man mich in mein Zimmer. Ich bekam frische Bettwäsche, ein frisches (rückenfreies) Klinikhemd, wurde wieder angeschlossen an Infusion und automatische Krankenschwester und meine Gedanken beschäftigten sich bereits mit meiner baldigen Entlassung…
Tja, wie bereits zu Beginn der Geschichte gesagt: „wenn Du denkst Du denkst….“
Prostata weg… Tumor weg… bilderbuchmäßiger Genesungsfortschritt… Urin nach drei Tagen bereits gesunde Farbe, kein Blut nachweisbar… was will man(n) mehr? Über den Verlust dieses Organs machte ich mir keine Gedanken. Aber die plötzliche Grübelei, was letztendlich der Befund an den Tag bringen würde, veranlasste mich zur heimlichen Einnahme von Psychopharmaka, die mir mein verständnisvoller Hausarzt verschrieben und die ich auf Anraten eines ebenfalls an Prostatakrebs operierten Bekannten mit in die Klinik genommen hatte.
„Wen Gott liebt, den straft er!“ Einen solchen Mist hat man versucht, mir in meiner Kinderzeit einzureden, wenn ich mal krank war oder ich mich beim Spielen verletzt hatte.
Fixhallelujagloriainexcelsisdeo… wie sehr muss Gott mich doch lieben dachte ich, als mir einer der Ärzte mit ernster Miene mitteilte, dass in einem der 15 Lymphknoten, die während der OP mit entfernt wurden, eine Mikro Metastase entdeckt wurde. Und das war und ist halt eine zuviel und auf Grund der Bösartigkeit des Prostatakarzinoms, keineswegs zu unterschätzen. Und wo eine ist, da gibt’s bestimmt noch mehr!
Das, was ich seit der Diagnose im Oktober befürchtet hatte, war eingetreten.
Ich durfte mich auf Grund des Befundes T3 – M1 ab sofort mit dem Prädikat „Hochrisikopatient“ schmücken. „Scheiss-Spiel“ dachte ich mit gemischten Gefühlen, aber da musste ich nun durch!
Also war wieder Hormonbehandlung angesagt. Kein Problem, denn ich hatte „für alle Fälle“ noch einen Restvorrat Flutamid in meinem Koffer und die Wirkung der Buserelin-Depot-Spritze vom November 2005 endet zum Glück nicht genau nach 3 Monaten.
Dieses war der erste Streich… und der zweite folgt sogleich.
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